- Date
- 06 September 2010
- Time
- 3:32
Man muss verrückt sein, um Straßen auszubessern
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Wie schon Nikolai Gogol, der berühmte Schriftsteller des 19. Jahrhunderts schrieb: in Russland gibt es zwei Übel – Narren und Straßen. Obwohl die Bevölkerung im heutigen Russland jedes Jahr um eine halbe Million weniger wird, vermehren sich die Narren in ihr genauso stark wie eh und je. Vielleicht befand sich deshalb bei allen Wahlen in Russland das nächstgelegene Wahllokal bei meiner Datscha (Wochenendhaus) im örtlichen Irrenhaus. Was die Straßen betrifft, so bestärkt jede Fahrt nach Moskau, insgesamt 65 km, meinen Verdacht, dass sie seit Gogols Zeiten nur schlechter geworden sind. Im Moment sehen sie aus, als ob der Zweite Weltkrieg gerade zuende gegangen wäre, aber es ein paar Messerschmidts noch kurz vor dem Ende gelungen wäre, einen Abschiedstreffer zu landen. In Russland ist man weder vor den Narren noch vor den Straßen sicher, aber die russische Kunst des Überlebens besteht eben darin, diese zu einem Mittel des Überlebens zu machen.
Unlängst mussten wir aus dem nächsten Ort die Rettung rufen, als meine Schwiegermutter eine schwere Brucheinklemmung hatte. Ich ging den Ärzten einen Kilometer entgegen, weil sie sich sonst in unserem Wald verirrt hätten – zumindest war das das letzte Mal passiert, als wir einen Arzt riefen. Sie haben Handys, aber sie können es sich nicht leisten, diese zu benutzen. Eine Stunde nachdem ich bis zur Straße gekommen war, trafen wir uns schließlich. Die Krankenschwester war höflich und kaltblütig. Sie untersuchte die Patientin und schlug vor, sie ins Krankenhaus zu bringen, zerstreute aber unsere Befürchtungen, dass meine Schwiegermutter sich im örtlichen Krankenhaus unters Messer legen müssen würde. „Sie versucht nur, uns zu beruhigen“, war mein Verdacht. Wie wenig ich doch verstand.
Der Fahrer und ich trugen die Trage, auf der meine Schwiegermutter stöhnte, zum Wagen, und sie fuhren auf der Straße weg, auf der Gogol möglicherweise die Zeile über die Narren und die Straßen eingefallen war. Unsere Datscha liegt in der Nähe des Guts Abramtsewo, das zu Gogols Zeiten der Familie Aksakow gehörte, die ihr Haus in einen inoffiziellen Salon zur Bildung des russischen Adels verwandelte. Als enger Freund der Aksakows war Gogol ein häufiger und gern gesehener Gast in Abramtsewo. Heute ist im Gutshaus ein Museum untergebracht. Noch einmal spielte Abramtsewo am Anfang des 20. Jahrhunderts (eigentlich in der zweiten Hälfte des 19. Jh. – Anmerkung d. russ. Übers.) eine wichtige Rolle in der Geschichte der russischen Kultur, als seine neuen Besitzer, die Mamontows, hier eine Künstlerkolonie gründeten. Die Kunstwerke, die auf diesem Gut geschaffen wurden, stellen heute einen beachtlichen Teil des Fonds der russischen nationalen Gemäldesammlung, der Tretjakow-Galerie. Im Abramtsewo der Aksakows war es, wo Gogol einem engen Kreis von Literaturliebhabern erste Kapitel aus seinem unvollendet gebliebenen Roman „Die toten Seelen“ vorlas, von dem ein großer Teil eben jenen Narren und Straßen gewidmet ist.
Zehn Minuten nachdem die Rettung abgefahren war, rief meine Frau an und sagte, dass es keinen Grund zur Beunruhigung mehr gäbe. „Was heißt das?“ fragte ich, „Seid ihr schon da?“. Die Straße war genug“, antwortete sie. Wie man ihr erklärte, ist eine zehnminütige Fahrt auf den örtlichen Straßen in einem alten Rettungswagen, bei dem die Stoßdämpfer schon lange nicht mehr funktionieren, die hiesige Behandlungsmethode für eine Brucheinklemmung. „In all den Jahren, die ich hier arbeite“, erzählte die Krankenschwester, „ist es nicht einmal vorgekommen, dass eine Brucheinklemmung nicht auf dem Weg zum Krankenhaus geheilt worden wäre.“ Sie mussten trotzdem bis zum Krankenhaus fahren, um die Ausfahrt der Rettung zu rechtfertigen. Meine Frau und meine Schwiegermutter kamen am Ende des Tages mit dem Taxi nach Hause – das konnte man als eine Art postoperativer Behandlung sehen.
Nach dem Anruf meiner Frau wollte ich eine Kerze für den Fortschritt Russlands anzünden: zu Gogols Zeiten gab es keine Handys, die es ermöglichten, rechtzeitig von der heilenden Kraft kaputter Straßen – also einem der vielen gewöhnlichen Wunder, aufgrund derer dieses Land sich trotz vieler Schwierigkeiten über Wasser hält – zu erfahren. Und deshalb muss man auch heute noch, eineinhalb Jahrhunderte, nachdem Gogol sich über die russischen Straßen beschwerte, ein Narr sein, um zu erwarten, dass die Straßen repariert werden.
Datum und Zeit:
28.07.2008Quelle:
"Time", USA
