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Fahren Sie unbedingt nach Jasnaja Poljana

Fahren Sie unbedingt nach Jasnaja Poljana

Ein Fernsehmoderator der BBC konnte dem energiegeladenen Moskau nicht widerstehen, aber den stärksten Eindruck hinterließ bei ihm das friedliche Landgut von Leo Tolstoi

Wenn Sie große Städte anziehen, sollten Sie unbedingt Moskau besuchen. Und wenn Sie Lärm und endlose Autolawinen und der fiebrige Puls einer vom Goldfieber erfassten Hauptstadt nicht schrecken, wird Moskau Sie nicht enttäuschen.

Die berühmten Sehenswürdigkeiten – Roter Platz, Basilius-Kathedrale, Kreml, Bolschoi Theater (dieses zu den größten Operntheatern der Welt zählende Theater ist für die Dauer der Rekonstruktionsarbeiten in Plastik gehüllt) – haben sich seit Sowjetzeiten überhaupt nicht verändert.

Alles andere in der Stadt hat sich vollkommen verändert: neue Autobahnen, die mit teuren Autos vollgestopft sind, Restaurants, Nachtclubs, Einkaufszentren, Werbeplakate, die Piccadilly Circus blass aussehen lassen.

Ich war zur selben Zeit in Moskau wie Madonna und schaffte es auf die Party, die zu ihren Ehren gegeben wurde – dort gab es so viele Schlägertypen und Paparazzi, dass jede Premiere in New York im Vergleich dazu einfach langweilig aussehen würde.

Diese Veranstaltung wurde von der russischen Ausgabe der Vogue organisiert, Platinblonde Frauen gab es dort genug, um hundert frischgebackenen James Bonds den Kopf zu verdrehen. Vor dem Eingang standen Bentleys, Maseratis und sogar ein Lagonda. Das kann Ihnen recht oder nicht nach Ihrem Sinn sein, aber gleichgültig wird es Sie nicht lassen. Auf jeden Fall werden Sie bald das Gefühl haben, eine Verschnaufpause zu benötigen.

Ich kenne keine besseren Weg der städtischen Hektik zu entkommen als am Kurski Bahnhof in einen Zug nach Tula zu steigen, das 200 km von Moskau entfernt liegt. Von dort fahren Sie mit einem Taxi 12 km und landen auf einer Insel ländlicher Ruhe, die „Jasnaja Poljana“ genannt wird. Nachdem ich ungefähr 16000 km durch ganz Russland gereist bin, hat eben dieser stille Winkel einen stärkeren Eindruck auf mich gemacht als andere Orte, die ich in diesem riesigen Land gesehen habe.

„Jasnaja Poljana“ ist das Landgut, wo 1828 Leo Tolstoi geboren wurde; hier hat er auch seine zwei bekanntesten Roman, „Anna Karenina“ und „Krieg und Frieden“ geschrieben.

Sie können das Landgut nicht verfehlen. Der Weg hierher führt durch das Dorf Jasnaja Poljana, eine Gruppe unregelmäßig verstreuter anspruchsloser Häuser mit Nebenwirtschaft. Dort laufen Enten und Gänse herum, ein paar Kühe und hektische Hühner, die wie immer im letzten Moment vor dem Auto davonlaufen. Jasnaja Poljana gehörte früher Tolstoi (wie auch ein Dutzend anderer Dörfer). Ihm gehörten auch die Bewohner, oder wenigstens der Großteil von ihnen. Die Leibeigenschaft wurde in Russland erst 1861 abgeschafft, aber der große Schriftsteller, der auch ein fortschrittlicher Gutsherr war, befreite seine Leibeigenen schon einige Jahre früher. Heute sind die Einheimischen ihre eigenen Herren, aber trotzdem hat man den Eindruck, dass das Dorf noch immer dem Gutsherrn gehört.

Ich wurde vom Urgroßenkel Tolstois, Wladimir, empfangen, der gestand, dass er sich als „einer der glücklichsten Menschen auf Erden“ fühlt, weil er in „Jasnaja Poljana“ lebt. Und obwohl das Gut nicht mehr seiner Familie gehört (nach der Revolution wurde es konfisziert, aber nicht zerstört), verwaltet Wladimir es im Namen des Wohltätigkeitsfonds, dem es vom neuen russischen Staat nach dem Fall des Kommunismus vor 18 Jahren übergeben wurde.

In Tolstois Haus ist nun ein Museum untergebracht, obwohl dieses Wort kaum angebracht ist. Es scheint, als ob Tolstoi gerade mal vor ein paar Tagen abgereist wäre: das Wohnzimmer, das Speisezimmer, das Schlafzimmer, wo im Schrank immer noch das typische Tolstoi-Hemd hängt. Die Regeln des Museums verbieten das zwar, aber da wir eine Serie für den Fernsehsender BBC2 drehen („Russland – eine Reise mit Jonathan Dimbleby“), wurde mir gestattet, den Saum dieses berühmten Hemdes zu berühren. Das Haus ist bemerkenswert gut erhalten und um den Besuchern Dinge zu erklären, die auf den ersten Blick nicht offensichtlich sind – „das ist das Bett, in dem seine Kinder zur Welt kamen“, „und hier saß er gern auf der Veranda“ –, gibt es im Museum Fremdenführer, die hervorragend englisch sprechen.

Sie können die Schule besichtigen, wo Tolstoi kostenlosen Unterricht für die Dorfkinder organisierte – nach einer revolutionären Methode, die die Moskauer Bildungsbeamten schockierte; Wladimirs Frau wendet diese Methode immer noch in der Dorfschule an, die das Paar gründete, um die von Tolstoi begründete Tradition fortzusetzen.

Als ich in „Jasnaja Poljana“ war, kam zuerst eine Hochzeitsgesellschaft, dann noch eine. Die Brautpaare stellten sich nacheinander vor dem Haus auf, um das traditionelle Hochzeitsfoto zu machen. Wie ich bereits sagte: nachdem Sie alle Sehenswürdigkeiten Moskaus gesehen haben, sollten Sie unbedingt nach „Jasnaja Poljana“ fahren. Sie werden es nicht bereuen.

Datum und Zeit:

13.07.2008

Autor:

Jonathan Dimbleby

Quelle:

The Times