- Date
- 09 September 2010
- Time
- 15:30
Eine Stadt auf Pfennigabsätzen
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Zum ersten Mal war ich hier 1988 und seither komme ich dauernd hierher zurück. Alle zwei bis drei Jahre. Und deshalb, denke ich, kann ich beurteilen, wie sehr sich das Leben in dieser Stadt in den letzten zwanzig Jahren verändert hat. Hier im Mittelpunkt des Reichs des Bösen, in der Stadt des Meisters und Margaritas.
Zu jener Zeit, als Gorbatschows Perestroika in vollem Gange war, zu den goldenen Zeiten der Glasnost, waren die Straßen Moskaus voll von Poeten und Musikern, die Stadt strotzte vor Freiheit. Die Geschäfte allerdings waren hoffnungslos leer. In ihnen gab es nichts, gar nichts. Manchmal stieß man auf Kohl, Zwiebel oder Kartoffeln, von denen die einfachen Russen in den härtesten Zeiten zu leben gewohnt waren.
Ja, das waren schwere Zeiten. Und dem harten Leben zu entfliehen war nicht leicht: im Land herrschte ein Prohibitionsgesetz.
Die teuerste Stadt
Hat es überhaupt einen Sinn, das zu vergleichen, was nicht vergleichbar ist? Denn es hat sich buchstäblich alles geändert, sogar die Stadtkulissen. In der Stadt leben Hunderte Millionäre. Auf den Straßen wimmelt es von Mercedes, wie einst von schwarzen „Wolgas“, die den Status des Besitzers unterstreichen. Die Poeten aber sind von den Straßen verschwunden und mit ihnen auch mein „Barde vom Arbat“.
Die durchschnittliche Lebenserwartung mancher Männer in Moskau beträgt dank der relativ leicht zugänglichen medizinischen Betreuung 67,3 Jahre. Das ist bedeutend mehr als die für ganz Russland, wo Männer der Statistik nach im Alter von 60,5 Jahren sterben.
Aber in Moskau herrscht der Luxus. Nicht einmal einfach Luxus, sondern mehr. Moskau heute ist die teuerste Stadt der Welt. Wenn man die Preise für Wohnungen und ähnliche Verbraucherkörbe vergleicht, hat Moskau London, Seoul, Tokio, Oslo und Paris überholt.
Wie leben in solch einer Stadt die Menschen?
Man muss zugeben, dass für uns Moskau (ja ganz Russland) eng verbunden ist mit Armut und Not oder zumindest mit riesigen sozialen Unterschieden: einer dünnen Schicht von Reichen und einer riesigen Anzahl von Armen. Nur gilt dieses Vorurteil nicht mehr. Es gilt schon lange nicht mehr.
Moskau ist ein Staat im Staat. Die Einnahmen in Moskau sind wesentlich höher als in Russland. Wenn Ende letzten Jahres der Durchschnittslohn im Land um die 13540 Rubel ausmachte, so waren die Löhne in Moskau höher, nicht einmal nur doppelt so hoch, sondern betrugen im Durchschnitt 30000 Rubel.
Gummistiefel
Ich gehe vom Belorusski-Bahnhof Richtung Roter Platz, die Twerskaja Straße entlang, die früher einmal Gorki-Straße hieß. Diese Straße liegt weltweit auf dem 18. Rang, was Mietpreise betrifft: ein Quadratmeter wird hier für 2226 Euro pro Jahr vermietet.
Das ist so etwas wie ein Ritual. In den letzten zwanzig Jahren war ich hier mindestens zehn Mal, und jedes Mal tragen mich meine Beine wie von selbst zum Mausoleum und zur Kremlmauer, wo Gagarin und Stalin begraben sind. Gegenüber ist das Kaufhaus GUM, von dem Kindern in tschechischen Schulen viele Jahre lang erzählt wurde. Als ich 1988 zum ersten Mal hierherkam, gab es nur Fernrohre und Gummistiefel.
Heute gibt es in diesem Kaufhaus einen blühenden Wintergarten mit Rasen und Bänken. Wie schön, einfach so, ein Garten mitten im Winter. Mir scheint, dass jeder, der nach Moskau kommt, zuerst einmal ins Zentrum fährt, zu den roten Mauern des Kremls (die riesigen Fichten an diesen Mauern wurden vor kurzem gefällt).
Die Twerskaja-Straße hat sich verändert, Glas und Stahl verbergen die Macht der steinernen Häuser der Stalin-Ära aus den 20er und 30er Jahren und unterstreichen die imperiale Ausschweifung und die Aufdringlichkeit dieser Gebäude. Überall Banken.
Die breiten, vielspurigen Straßen sind Tag und Nacht voll von hin und her fahrenden Autos – zu den Stoßzeiten sind es etwa sechstausend, sodass praktisch ständig Staus herrschen. Aber die, die in den schwarzen Mercedes und riesigen Geländewagen sitzen, steigen um nichts in der Welt in die U-Bahn um.
Die unteren Stockwerke der Gebäude an der Twerskaja-Straße sind voller bunter Reklame. Auf den Trottoiren parken unverschämt riesige Limousinen, aus denen gut gekleidete Menschen aussteigen. Rundherum Marken, Marken, Marken… Sie beten sie an. Diese Männer, die unbedingt in Begleitung von Damen sein müssen, gehen vorwärts zum Erfolg. Zum Geld. Denn das ist das einzige Maß dieser Gesellschaft.
Absätze
Sie ist sicher längst über fünfunddreißig. Sicher, das ist nicht sehr höflich, aber ich würde ihr sogar vierzig geben. Sie kommen aus dem Nerzmantel hervor und gehen ihres Weges, schwarze Stiefel auf hohen Absätzen. Und diese Absätze passen so gar nicht zum russischen Winter, zu Schnee, Frost und, was am wichtigsten ist, zu den Moskauer Straßen, die voll sind von Schlaglöchern, Gruben und allen möglichen Hindernissen.
Sie ist selbstbewusst. Sie gehört nicht zu den vielen russischen Frauen, die von der Ehe nur eines wollen: dass der Ehemann nicht trinkt und sie nicht schlägt. Sie setzt sich in den Jeep, der am Trottoir geparkt ist, zerknüllt den Strafzettel – was sind schon fünfzig Rubel! – und fährt weg.
New York im Osten
Moskau ist das, was für die meisten Menschen der dritten Welt New York ist. Ein Traum. In diese Stadt wollen alle. Für die Jugend aus den Ländern der ehemaligen UdSSR, ausgenommen die Baltischen Staaten, ist Moskau alles, was man in diesem Leben erreichen kann, das Verlockendste und Anziehendste.
Märchenhaftes Geld.
Vergnügungen.
Sex.
Alles, was eine Metropole zu bieten hat. Und es ist egal, woher diese jungen Menschen kommen: aus Georgien, Armenien, Usbekistan oder Aserbaidschan. Für sie ist nicht einmal wichtig, dass viele Russen solche Zugereisten hassen und sie mit Tschetschenen verwechseln, die 2002 im Theaterzentrum an der Dubrowka Geiseln nahmen.
Die Stadt ist tatsächlich eine Metropole geworden.
In Moskau leben heute etwa 10,5 Millionen Menschen. Es ist eine Stadt der Zugereisten und Migranten, wie New York, nur dass die Menschen hier nicht englisch, sondern russisch sprechen.
Wie sehr sich die Moskauer verändert haben? Wieviele echte Moskauer gibt es noch in der Stadt – solche, über die Jesenin Gedichte schrieb, über die Pasternak im „Doktor Schiwago“, Rybakow im „Kinder des Arbat“ und Bulgakow in „Der Meister und Margarita“ (dieser Roman beginnt ganz in der Nähe des Moskauer Zentrums, bei den Patriarchenteichen) schrieben. Wieviele sind noch übrig von den Moskauern, die Nikita Michalkow im „Barbier von Sibirien“ darstellte, wo er das Bild Moskaus im zaristischen Russland idealisierte?
Wladimir Iwanowitsch Morjakow, Professor der Moskauer Universität, meint, dass der Anteil der Moskauer, deren Eltern und Großeltern bereits in Moskau lebten, nicht mehr als 10 Prozent beträgt. Der Anteil der in Moskau Geborenen beträgt derzeit 40 Prozent der Gesamtbevölkerung der Stadt, d.h. sie sind in der Minderheit. Das ist auch ein Zeichen für die Veränderungen, die in den letzen Jahrzehnten stattgefunden habne. Nur 19 Prozent der Russen sind der Meinung, dass die Moskauer sich durch nichts von ihren Mitbürgern unterscheiden.
Ein Staat im Staat.
Face-control!
Sie wollen in ein Geschäft an der Twerskaja, Petrowka oder in der Stoleschnikow-Gasse?
Auf Sie wartet Face-control.
Sie wollen in einen Nachtclub?
Face-control.
In ein Restaurant?
Face-control.
Diesen englischen Ausdruck haben die Moskauer schnell in ihren Wortschatz aufgenommen. Der Stiernacken am Eingang beurteilt in Sekundenschnelle Ihre Kleidung und Ihr Gesicht. Und entscheidet: nein, der darf hier nicht rein, verboten, er kann gehen. Und da hilft es nichts, dass Sie Ausländer sind: Sie haben wenig Geld, und in dieser Stadt kommen nur die zu ihrem Vergnügen, die es sich leisten können, und Sie sehen nicht so aus wie die.
Entschuldigung.
So ist es also, das moderne Moskau. Es beurteilt, wie Sie aussehen, welches Auto Sie fahren, ob Ihre Begleiterin aussieht wie Barbie. Deshalb also werden hier gerne Marken zur Schau gestellt.
Datum und Zeit:
29.04.2008
