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Der Sieger

Der Sieger

Kostya Tszyu ist der absolute Weltmeister unter den Profiboxern und Träger der Championsgürtel der drei angesehensten Boxorganisationen. Außerdem spürt man in ihm den stählernen Kern, der diejenigen auszeichnet, die in ihrem Beruf wirklich kosmische Höhen erreicht haben, von Leuten, die einfach nur begabt sind.

Was hilft deiner Meinung nach einem Menschen und Sportler mehr –Niederlagen oder Siege?

Eine Niederlage ist natürlich schlecht. Aber wenn man aus einer Niederlage die richtigen Schlüsse zieht, dann ist das ein Schritt vorwärts. Mein erster Trainer hat immer gesagt: Wenn man verliert, dann ist das noch keine Niederlage, sondern die Möglichkeit sich selbst zu verstehen. Wenn du ständig verlierst, stumpfen deine Gefühle ab, ob du das willst oder nicht. Es gab eine Zeit, wo ich dachte, ich kann nicht verlieren. Das ist einfach unmöglich. Nach einer Niederlage bin ich wieder zurück auf den Boden der Realität gekommen. Und habe in vieler Hinsicht umgedacht…

Ist eine Niederlage für dich ein großer Schock?

Ja. Ein großer moralischer und physischer Schock. Ich bin eigentlich ein Siegertyp. Es fällt mir schwer zu verlieren, ich verliere nicht gern. Aber es ist unmöglich, immer nur zu gewinnen. Deshalb muss man auch verlieren können und eine Niederlage zu seinem Nutzen verarbeiten, indem man die Gründe analysiert, die zur der Niederlage führten. Alles, was passiert, hat einen Grund. Man muss ihn nur verstehen.

Bist du ein gläubiger Mensch?

Ja. Ich gehe in die Kirche. Nicht so oft, wie ich gern gehen würde. Aber ohne Glauben geht es nicht.

Bist du auch Geschäftsmann?

Mein Geschäft beruht darauf, dass ich einen guten Namen habe, dass ich über Kontakte verfüge. Ich bringe die richtigen Leute mit den richtigen Leuten zusammen und bekomme dafür einen kleinen Prozentanteil. Im Moment zum Beispiel gibt es ein großes Straßenbauprojekt in Russland. Wir haben einer australischen Firma geholfen die richtigen Leute zu finden, die viele Jahre lang vergebens versucht hat, den russischen Markt zu betreten.

Zurück zum Sport. Damals im fernen Jahr 1992 bist du nicht nur von einem Land in ein anderes übersiedelt, sondern hast auch vom Amateur- zum Profisport gewechselt. Was ist der Unterschied zwischen dem Amateur- und dem Profisport?

Das ist ein Unterschied wie zwischen einer Schule und einer Hochschule.

Sind die Profisportler von vornherein stärker?

Nicht unbedingt stärker. Die Profis haben einfach eine andere Einstellung zur Sache. Mir gefällt das Profiboxen besser. Schon allein deswegen, weil man im Ring mehr Zeit hat, um zu improvisieren.

Und anscheinend gibt es auch ein anderes Trainingssystem für die Sportler?

In der Sowjetunion haben wir viel trainiert, aber es gab keine zielgerichtete Vorbereitung. Wir wurden sehr angetrieben, aber manchmal hatten wir keine Lust zu trainieren. Man muss den Jungen nämlich erklären, wozu das alles nötig ist, sie brauchen eine Motivierung. Bei uns gab es zum Beispiel eine Intervallarbeit an den Sandsäcken – 3 Minuten mit vollem Einsatz. In drei Minuten starb ein Boxer normalerweise…

Ich habe gesehen, dass auf deiner Homepage eine DVD verkauft wird, die zeigt, wie man richtig trainiert. Bist du selbst darauf gekommen oder hast du das von jemandem übernommen?

Selbst. Aus eigener Erfahrung. Eine bestimmte Grundlage wurde natürlich dadurch gelegt, wie ich selbst gelehrt wurde. Aber dann habe ich alles selbst gemacht, alle Etappen des Profitrainings selbst durchlaufen.

Wie ich verstanden habe, gab es bei dir einen Moment, in dem ein Umschwung in deiner Ansicht zum Training von Sportlern stattfand?

Ich habe gemerkt, dass es so etwas wie „limitation“ nicht gibt. Man kann Wunder wirken! Ein einfaches Beispiel: Liegestütz. Im Nationalteam machte ich 170 Liegestütz, das war die zweithöchste Anzahl im Team. Jetzt mache ich 270. Ein anderer Rekord von mir: Seilhüpfen. Ich kann bis zu zwei Stunden ununterbrochen hüpfen. oder 1111 Liegestütz pro Stunde. Weißt du, was der Weltrekord ist?

Was ist der Weltrekord?

Zehntausend.

Das gibt’s nicht… ohne Unterbrechung?

Ohne Unterbrechung. Ein sechsjähriges Kind aus China. Denk mal. Man darf nur keine Angst vor sich selbst haben. Du kannst alles schaffen. Das ist es, was man Kindern erklären muss.

Wovor hast du am meisten Angst?

Wovor ich Angst habe? Um mich habe ich keine Angst. Überhaupt keine. Meine Kinder möchte ich das richtige Rüstzeug fürs Leben geben. Sie haben es schwerer als ich. Es ist nicht leicht für sie, weil sie meine Kinder sind. Die Leute haben viel höhere Anforderungen und Erwartungen an sie – sie müssen in allem besser als andere Kinder sein.

Du hast doch drei Kinder – zwei Jungen und ein Mädchen, nicht wahr?

Wie alt sind sie? Ja, ich habe drei. Sie sind dreizehn, zehn und fünf. Siehst du, ich kann ihnen alles kaufen. Aber ich lehre sie, Dinge nicht zu bekommen, sondern zu verdienen. Da bin ich nicht nachsichtig. In keiner Hinsicht. In ihrem Leben soll es das Wort „geschenkt“ nicht geben.

Treiben sie Sport?

Meine Kinder verfügen über eine gute Koordination. Die ersten drei Jahre haben alle Gymnastik gemacht und ihre physische Entwicklung wurde allgemein gefördert – nicht für den Sport an sich, sondern für das Leben. Die Jungs spielen Fußball. Und sie spielen nicht schlecht. In Australien ist das Niveau im Fußball sehr hoch.

Was glaubst du, werden deine Kinder einmal in Australien leben?

Das kann ich nicht sagen. Meine Frau hat einmal gemeint: „Du hast so viel zu tun in Russland. Lass uns dorthin umziehen, wenn es nötig ist. Sie ist eine kluge Frau. Eigentlich ist es für sie bequemer dort. Sie ist schon fünfzehn Jahre dort. Sie kennt das Leben hier in Russland nicht, sie hätte es sehr schwer hier.

In Russland gibt es natürlich sehr viel zu tun. Aber alles kann man doch nie tun.

Schau, zuhause stehen meine Frau und ich bereits seit fünf Jahren sehr früh auf. Um fünf Uhr früh. Die Sonne scheint. „Na“, sage ich, „gehen wir?“ „Gehen wir.“ Wir gehen hinunter in den Saal. Ziehen uns um. „Laufen wir?“ „Laufen wir!“ Wir laufen die Straße entlang. Buchstäblich zweihundert Meter, dann fängt der Strand an… Wir laufen den Strand entlang. Leute kommen uns entgegen, die laufen auch. Hallo! Hallo! Alle grüßen. Neben dir läuft ein Milliardär. Und auf der anderen Seite ein einfacher Bauarbeiter oder Buchhalter. Das ist Freiheit… Wo sonst gibt es das noch?

Was ist der wichtigste Unterschied zwischen Australien und Russland?

Die Mentalität der Menschen. Die Australier denken anders und sie leben anders. Außerdem gibt es dort keine Grobheit. Praktisch keine. Überhaupt keine!

Konstantin Tszyu (Konstantin «Thunder from Down Under» Tszyu). Seit 4. Oktober 2001 unumstrittener Weltmeister der Profiboxer in der Gewichtskategorie 63,5 kg. Träger der Championsgürtel des WBC, der WBA und der IBF.

Größe: 170 cm. Gewicht: 63 kg. Angriffsweite: 172 cm. Manager: Wlad Barton. Trainer: Johnny Lewis. Lebt und arbeitet seit 1992 in Sydney, Australien. Kostya Tszyu wurde am 19. September 1969 in Serow im Gebiet Swerdlowsk geboren. Mit 9 Jahren fing er an zu boxen. Von 1985 bis 1987 war er sowjetischer Juniorenmeister. Von 1989 bis 1991 sowjetischer Meister in der Erwachsenenklasse. Er siegte bei den Europameisterschaften 1989 und 1991 und bei den Good Will Games in Seattle. 1991 wurde er Weltmeister in Australien. Als Amateur bestritt er 282 Kämpfe, aus 270 von ihnen ging er als Sieger hervor.

1992 ging Kostya Tszyu ins Profilager über und übersiedelte nach Australien. Als Profi bestritt er 34 Kämpfe; 31 davon gewann er, 25 seiner Siege waren KO-Siege. Er verlor 2 Kämpfe, einer blieb unentschieden.

Am 5. Juni 2005 weigerte sich Kostya Tszyu in Manchester in der 12. Runde gegen Rikki Hatton weiterzukämpfen und verlor so den Kampf und einen seiner Titel (IBF). Das Datum des Revanchekampfs steht bis jetzt noch nicht fest.

Datum und Zeit:

14.01.2008

Autor:

Text: Asamat Zebojew, Foto: Alexej Krasnowski

Quelle:

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