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Warum russische Frauen sich auch in brennende Huetten stuerzen.

Warum russische Frauen sich auch in brennende Huetten stuerzen.

Als ihren Lehrmeister gibt sie Anton Tschechov an und sein Spruch « Kuerze ist die Schwester des Talents» ist auch die Devise ihres Schaffens. Viktoria Tokarewa hat deshalb noch keinen Roman geschrieben, sondern nur Kurzgeschichten und Erzaehlungen. Aber was fuer welche! Ein Schriftstellerkollege hat einmal gesagt: «Wenn man die Geschichten Tokarewas ein bischen verduennt, wird ein Roman draus.» Lakonisch und kurzentschlossen ist Viktoria Tokarewa auch im taeglichen Leben. Auf meine Anfrage nach einem Interview antwortete sie einfach mit einem: «Ja, gut.» Als ich nachfragte, ob sie sich denn nicht wenigstens erkundigen wolle, von welcher Redaktion ich sei, fragt sie bloss:»Wieso, macht ihr Pornografie?» «Nein. Natuerlich nicht.» «Und Antisemiten seid ihr auch nicht?» «Neiiin, natuerlich auch nicht!» «Ja, etwas anderes interessiert mich eigentlich nicht.»

Eigentlich braucht sie sich auch wirklich keine Sorgen zu machen. Fuer Liebhaber saftiger Skandalgeschichten gibt sie kein brauchbares Ziel ab. Ihre Autoritaet, Offenheit und Intelligenz schuetzen sie vor jedweden Angriffen. Sie weiss alles ueber russische Frauen, weil sie selber eine ist.

- Viktoria Samoilovna, koennten Sie uns erklaeren, was das Besondere an russischer Frauenliteratur ist?
- Die Sehnsucht nach dem Idealen. Darauf basiert die Frauenliteratur an sich. Darueber schreiben sie alle, ob nun Francoise Sagan, Tatjana Tolstaja, Ljudmilla Petuschevskaja oder auch ich selbst.

- Die Sehnsucht nach dem Idealen. Was muss man sich darunter vorstellen?
- Auf eine kurze Formel gebracht bedeutet das folgendes: »Ich bin traurig und die Sehnsucht packt mich, weil mich der einzig Wahre nicht liebt.»

- Und dagegen kann man gar nichts tun?
- Jedenfalls versuchen es alle.

- Und wie?
- Indem sie einfach leben.

- Und haben sie manchmal Erfolg?
- Manchmal schon.

- Und haben russische Frauen mehr oder weniger Chancen auf Erfolg?
- Jede Frau auf der Welt hat die gleichen Chancen. Das ist alles Glueckssache. Es gibt ein Sprichwort: Lieber gluecklich geboren werden als schoen. Das Schicksal entscheidet.

- Der Level der Emanzipation hat gar keinen Einfluss darauf?
- Nein, keinen.

- Womit kann man den Boom der Frauenliteratur in Russland in den letzten zehn Jahren erklaeren?
- Meiner Meinung nach gibt es ueberhaupt keinen Boom. Ueber schlechte Schriftstellerinnen wollen wir lieber gar nicht erst sprechen. Und gute Autorinnen gibt es in Russland vielleicht fuenf.

- Wer gehoert denn dazu?
- Petuschevskaja, Tolstaja, Ulitzkaja, Marinina und ich.

- Kann ein Schriftsteler in Russland heute ausschliesslich von seinen Werken leben?
- Kann er. Wenn er auch weniger verdient, als ein vergleichbarer Schriftsteller im Westen. Am meisten verdient bei uns Alexandra Marinina (Autorin einer Reihe von Kriminalromanen um die Polizistin Kamenskaja). Ihre Krimis sind wirklich gut. Kriminalliteratur ist ein besonderes Fach, und Marinina kennt sich da wirklich blendend aus.

- Und worin kennen Sie sich besonders gut aus?
- In zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Psychologie zwischen den Geschlechtern, das ist mein Gebiet.

- Was denken Sie, schreibt im Westen jemand so aehnliche Buecher wie Sie?
- Ungefaehr ueber das gleiche Thema schreibt auch Francoise Sagan. Nur umfangreicher und monotoner. Ihr fehlt ein bischen der Humor.

- Und sonst noch jemand?
- Ich kenne nicht so viele westliche Schriftsteller. Und die meisten von ihnen kennen mich wahrscheinlich nicht. Wir werden nicht so oft uebersetzt.
(Das stimmt nicht ganz. Die Buecher der fuenf genannten Schriftstellerinnen gibt es zum Beispiel in Uebersetzung in jedem halbwegs normal sortierten amerikanischen oder deutschen Buchladen. Anm. der Uebersetzerin)

- Hilft die Literatur bei der Integration der Nationen?
- Ich glaube nicht. Im Moment wird ja alles computerisiert. Die jungen Leute sind alle im Internet. Deshalb bleibt die Literatur wahrscheinlich auf der Position, auf der sie heute steht.

- Und frueher hatte sie eine andere Position?
- In den 60er, 70er und 80er Jahren hat die Literatur noch einen grossen Einfluss gehabt. Sie hat die Soziologie ersetzt, die damals als objektive Wissenschaft noch in der Entwicklung steckte. Die Leute haben die Wahrheit in der Literatur gesucht, das beste Beispiel sind die Werke Solschenitzins. Und heute geht man statt dessen ins Internet: man arbeitet darin, lernt sich kennen, verbringt seine Freizeit dort. Literatur hat also auf den Verstand der Menschen keinen so grossen Einfluss mehr. Sogar bei uns, im Land der Buecherleser. Und dem kann man sich nicht entziehen.

- Es heisst, Russland wuerde im Moment einen Verfall der Kultur durchmachen. Stimmen Sie dem zu?
- Nein. Als wir noch alle unter dem Sowjet-Regime gelebt haben, hatten wir zwar alle kein Geld, aber trotzdem ein gewisses Gefuehl der Sicherheit (stabile Armut war sozusagen garantiert). Das war ein ganz anderes Leben. Jetzt gibt es den Kanal mit dem Namen «Geld» und allen ist klar geworden, dass man mit Geld eine Menge machen kann. Frueher musste man sein Geld ja noch vor den anderen verstecken. Und danach haben die «neuen Russen» mit ihren Autos, ihrem Schmuck und ihren Haeusern nur so um sich geworfen. Mittlerweile haben die Russen ein aehnliches Verhaeltnis zu Geld wie die Deutschen. Und die russischen Charakterzuege wie Offenheit und das «sein Herz auf der Zunge tragen» sind ein bischen in den Hintergrund geraten. Das wuerde ich aber nicht als Kulturverfall bezeichnen, sondern nur als Mentalitaets-Krise.

- Und wozu fuehrt diese Krise?
- Dazu, dass bald alle ihr Geld zaehlen. Die Reichen, um auszurechnen, was sie sich alles leisten koennen. Und die Armen, weil das Geld vorn und hinten nicht reicht.

- Der russische Intellektuelle- wie ist der?
- Der russische Intellektuelle? Weiss ich nicht. Ich war im Westen und finde, dass zum Beispiel deutsche Intellektuelle auch nicht anders sind als russische. Weil kultivierte Leute sich alle gleichen. Das herausragendste Merkmal eines kultivierten Menschen ist doch sein Wohlwollen seinen Mitmenschen gegenueber. Und seine Gutherzigkeit. Wenn ein Mensch gutherzig ist, ist er anziehend, selbst wenn er ansonsten einfach gestrickt ist.

- Koennen Sie andere Voelker mit den Russen vergleichen?
- Ueber Amerikaner weiss sich zum Beispiel wenig. Deutsche mag ich sehr. Wenn man mit einem Deutschen muendlich etwas vereinbart, bedeutet das fuer ihn genauso viel wie eine schriftliche Abmachung. Sie sind sehr verlaesslich. Franzoen sind egoistisch. Sie wuerden nie «nein» sagen. Weil «nein» zu sagen fuer sie einen gewissen Stress bedeutet. Und diesem Stress wollen sie sich nicht aussetzen, deshalb heisst es bei Franzosen immer «warum nicht?». Und auf so eine Aussage kann man sich nicht verlassen. Von allen Voelkern mag ich die Deutschen am liebsten. Bei ihnen fuehle ich mich wohl.

- Aber Deutsche sind doch so anders...
- Nicht, wenn es fortschritliche Deutsche sind. Mein Verleger ist Deutscher. Und seine Frau. Was die nicht schon alles fuer mich getan haben, soviel hat meine eigenen Mutter nicht fuer mich gemacht. Meine Mutter hatte allerdings auch nicht diese Moeglichkeiten, muss man dazu sagen. Jedenfalls habe sie mir eine Menge Guete und Liebe zukommen lassen.

- Koennen Sie mal Deutsche und Russen vergleichen?
- Deutsche muessen arbeiten. Da sind sie eigentlich so aehnlich wie die Russen. Deutsche sind ausserdem gradlinig. Die russische Seele ist da flexibler, sie biegt sich mal in die eine, mal in die andere Richtung. Deshalb gibt es auf russischen Hochzeiten auch so oft Pruegeleien. Weil Russen immer zwischen den Emotionen schwanken, zwischen Froehlichkeit und Aggression zum Beispiel. Deutsche sind nicht so sprunghaft.

- Also keine Pruegeleien auf deutschen Hochzeiten?
- Davon kann in Deutschland gar keine Rede sein! Ich habe ja gesehen, wie da gefeiert wird. Alle sitzen zusammen, es wird Akkordeon gespielt und getanzt. Alles ganz gesittet. Fuer deutsche Verhaeltnisse ganz normal, fuer mich fast schon exotisch.

- Was denken Sie, gibt es bei Russen irgendwelche Charakterzuege, die Auslaender absolut nicht verstehen?
- Das Beduerfnis, zu trinken bis zum Umfallen.

- Und wie sind die russischen Maenner im Vergleich zu den westlichen?
- Wenn ein Mann im Westen seine Frau verlaesst, muss er sie trotzdem weiter versorgen. Normalerweise ueberlaesst er ihr einen grossen Teil seiner Habe. Deswegen denken westliche Maenner auch besser nach: Kann er sich eine Scheidung ueberhaupt leisten oder nicht? Und unsere Maenner verlassen ihre Frauen einfach ohne lange zu fackeln. Weil wir keine entsprechenden Gesetzt haben. Und darueber wird bei uns irgendwie nur sehr wenig geredet.

- Von den Nuancen der finanziellen Seite der Ehe mal abgesehen, gibt es darueberhinaus noch besondere Charakterzuege, Verhaltensmuster bei russischen Maennern?
- Ich tendiere zu der Ansicht, dass das Verhalten eines Mannes wenig von seiner Nationalitaet abhaengt. Tolle Maenner habe ich bei uns genauso getroffen wie im Ausland. Und furchtbare Typen gibt es auch hier wie dort. Es haengt von der Erziehung ab, wie die innere Diskette des Mannes funktioniert. Eine Ausnahme sind vielleicht die Japaner, die verlangen von ihren Frauen wirklich zu viel. Japanerinnen schrubben und putzen ja nur. Traditionell sind russische Frauen natuerlich auch fuer den Haushalt zustaendig, aber laengst nicht mit solchem Fanatismus wie bei Japanern. Liebe auf Russisch unterscheidet sich aber doch von anderer.

- Und wie sieht Liebe auf Russisch aus?
- Das ist, wenn die Frau sich total aufopfert. Wie in dem Gedicht von Nekrassow ueber die russische Frau: »Sie haelt ihr Pferd im Galopp an und rennt in die brennende Huette.» Ich weiss wirklich nicht, was daran so bewundernswert ist, sich in eine brennende Huette zu stuerzen.

- Aber warum tun russische Frauen all das?
- Ganz einfach: Weil der Mann es nicht tut. Die Frau als staerkeres Geschlecht erhaelt die Familie und das Hab und Gut. Sie ist einfach stabiler gemacht, und formschoener ist sie auch, abgesehen davon, dass sie laenger lebt. Russische Frauen sind irgendwie in diesem Wissen steckengeblieben. Ein westlicher Mann wuerde seine Frau niemals in die brennende Huette lassen. Und unsere lassen sie, schicken sie sogar extra vor.

- Darin unterscheiden sich russische Maenner also auch von westlichen?
- Das liegt eigentlich gar nicht an den Maennern, sondern an den Frauen. Westliche Frauen rennen nicht in brennende Huetten. Um keinen Preis! Wenn bei ihr die Huette brennt, ruft sie ihre Versicherung an. Und nach einiger Zeit bekommt sie dann Geld fuer eine neue Huette. Und bei uns haengt an der Huette alles, da geht es um die nackte Existenz. Und ausser der Frau ruehrt keiner auch nur einen Finger, um diese Huette zu retten.

Datum und Zeit:

03.04.2001

Autor:

Das Interview fuehrte Oxana Serbinova